Da waren’s nur noch fünf …

Wenn heute Zeitungen über Buchverlage berichten, dann entsteht bei mir schnell der Eindruck einer Hofberichterstattung aus dem Papierschloss – ohne Fenster und ohne Blick über die Zinnen: bloß nicht den Mob vor den Toren sehen.

Vor wenigen Tagen kommentierte Peter Osnos im Atlantic die angestrebte Fusion der beiden Verlagsriesen Random House (Bertelsmann) und Penguin. Hier ein Ausschnitt:

The merger of Random House and Penguin unquestionably represents an enormous change in the scale of publishing companies. It is a direct response to the power of the digital marketplace, but shifting ownership in the publishing industry is nothing new.

[…]

In recent years, consolidation among publishing companies reached a level that was widely known as the Big Six: Random House, Penguin, HarperCollins, Hachette, Macmillan, and Simon & Schuster, all divisions of much larger companies. Together, they represent about half the total sales of trade books, with the balance spread among medium-size publishers, led by W.W. Norton, Bloomsbury, Scholastic and the Perseus Books Group, as well as thousands of smaller publishers, some of which are barely more than niche participants. With dizzying speed, the shift of digital sales meant that every publisher from virtually the smallest to the very largest has had to adapt.

[…]

It is widely assumed that this type of consolidation will continue, with the likelihood of further mergers among the Big Six, or the acquisition of independent publishers in the belief that scale is an advantage in dealing with the giants of technology and e-commerce. […]

„Antwort auf die Macht des digitalen Marktplatzes“ nennt er das. Nun ja, da bleibt natürlich offen, ob diese Antwort auch die gewünschte Wirkung erzielt, welche das auch immer sein soll. Mehr Buchverkäufe? Mehr Druckerzeugnisse? Höhere Umsätze durch künstliche Hochpreise bei E-Books? Oder einfach mehr Eindruck bei Amazon und Apple schinden? Inwiefern soll das eine Anpassung an die Herausforderungen der Digitalisierung sein? Wenn es erstmal nur noch drei Mega-Printverlage und drei Vertriebsplattformen auf der Welt gibt, dann bleibt die Frage: ist das überhaupt noch ein Markt, geschweigedenn ein „freier“?

Johan Schloemann schreibt in der Süddeutschen dazu völlig losgelöst von der Frage nach der Digitalisierung des Buches und des digitalen Umbruchs komplett am Thema vorbei und beschäftigt sich lediglich mit der Frage, ob denn dadurch eventuell „die Größe der Vielfalt bedroht“ sei. Dumme Frage: natürlich ist die Vielfalt bedroht! Aber welche Vielfalt? Es wird weniger gedruckte Bücher und weniger (große) Verlage geben. Ergo können auch pro Jahr nur weniger Titel erscheinen. Internet? Blogs? E-Books? Ja, das gibt es natürlich alles, aber hier geht es ja um richtige Bücher. Kurz: der übliche Qualtitätsjournalismus von Hans-Guck-in-Luft aus Deutschland.

Da ist Hannes Hintermeier von der FAZ zwar deutlich näher am eigentlichen Thema, verfehlt jedoch jede Wertung in der B-Note für Schreibstil. Die ersten zwei Sätze genügen, um den Mann gleich wieder auf die Journalistenschule zurückzuschicken:

Wenn Elefanten sich vermählen, wird viel Gras platt gedrückt. Das gilt gerade im Geschäft mit den Büchern, die zwar als Gattung widerständig und langlebig sind, im Einzelfall aber durchaus zarte Pflänzchen sein können.

Du lieber Himmel! Am Beginn eines Artikels in zwei Sätzen gleich drei bis auf die Knochen abgelutschte Metaphern unterzubringen, das ist keine Chuzpe mehr, das ist grob fahrlässige Sprachverschmutzung. Ist die Fusion zweier der sechs größten Verlagskonzerne der Welt wirklich so banal, dass man das jetzt der Vertretung aus der Kreuzworträtselecke überlässt? Mitnichten, der Mann ist Redakteur im Feuilleton. Wolf Schneider würde sich im Grabe … ach nein, der lebt ja noch. Aber er ist offenbar nicht mehr laut genug. Dann muss ich wohl Schneiders Aufgabe übernehmen:

Sehr geehrter Herr Hintermeier, hören Sie auf, mit Samthandschuhen um den heißen Brei herumzuschreiben und packen sie endlich mal den Stier der Zeit bei den Hörnern: wann endlich begreifen Sie und Ihre Kollegen, dass nicht alles Druckerschwärze ist, was glänzt?

Gut, das war jetzt inhaltlich nicht ganz präzise, sollte ja nur eine Stilpersiflage sein. Immerhin haben Sie ja schon ein bisschen mit dem roten Tuch gewedelt, nur leider mit dem Rücken zum Stier. Sie schreiben:

Gut möglich, dass die Erlöse künftig sinken, weil mit dem elektronischen Buch ein Preisverfall einhergeht, wie er viele Produkte im Netz begleitet.

Habe ich Sie richtig verstanden? Das „elektronische Buch“ ist für Sie ein „Produkt im Netz“, das von einem Preisverfall begleitet wird? Wie muss ich mir das vorstellen? Was ist ein „Produkt im Netz“ für Sie? Ist die Waschmaschine, die ich bei amazon bestelle, auch „ein Produkt im Netz“? Und wieso kann ich sie dann nicht kopieren? Ich werde den Verdacht nicht los, dass Sie den Unterschied zwischen einer Datei und einem Druckerzeugnis noch immer nicht vollständig begreifen. Die Herstellungskosten dieser beiden unterschiedlichen Produkte sind nicht gleich. Nicht einmal annährend. Dass Printverlage ihre gesamte im letzten Jahrhundert für den Printbereich aufgebaute Vertriebs- und Verwaltungsinfrastruktur samt Lager- und Transportkosten, Vertriebsnetz, Gebäuden, Verwaltungsangestellten und Dienstleistern einfach rechnerisch als Kosten auf beide Produktformen übertragen, um den riesigen Unterschied in der Herstellung und im Vertrieb dieser beiden Erzeugnisse zu vernebeln, das fällt Ihnen als Journalist nicht auf? Muss erst ein virtueller Großverlag mit einem Mini-Büro auf der Isle of Man gegründet werden, bis Sie begreifen, was das bedeutet? (Das dürfte übrigens der zweite Albtraum aller Verleger sein, der direkt nach amazon als Verlag kommt). Der einzige Grund, weshalb den Printverlagen noch nicht alles um die Ohren geflogen ist, das sind die Autoren selbst und ihre ambivalente Beziehung zum Verlagssystem. Das klingt vielleicht komisch in den Ohren eines gestressten Lektors, der in unverlangtem Manuskriptmüll erstickt, aber ich spreche hier von jenen Autoren, die entweder bereits bekannt sind und einen Marktwert haben oder deren Marktwert weder von ihnen noch vom Verlag richtig erkannt oder vergütet wird.

Vor diesem Hintergrund dürfte jetzt zunächst die große Zeit der Agenten anbrechen, da haben Sie recht, denn die können besonders gut von der Lücke profitieren, die sich zwischen der Unsicherheit und/oder der Vermessenheit der Autoren und der knallharten Kalkulation der Verlage auftut: sie könnten jetzt den Verlagen mit einem Selbstverlag drohen. Das mag lächerlich klingen, aber denken Sie ruhig mal einen Moment lang darüber nach. Warum sollte eine Autorin, die bereits weltweit über das Internet veröffentlicht hat und dadurch berühmt ist, ihr nächstes Buch für 15% Umsatzbeteiligung bei einem Verlag veröffentlichen, wenn sie auf eigene Faust mit einem E-Book 50 oder 70% bekommen kann, an denen sie eine Lektorin, einen Designer und einen Agenten (für die Verhandlungen um sekundäre Verwertungsrechte) beteiligen kann? Um dann danach einfach mit Ihrem Agenten einen Deal mit einer Druckerei und amazon (oder einem anderen Online-Verkäufer) abzuschließen? Das Resultat dieser Schieflage können wir schon jetzt sehen: bekannte Autoren oder potenziell gut verkaufbare Prominente (das Schreiben ist da sekundär) bekommen von den Verlagen überdimensional hohe Vorschüsse, weil diese Angst haben, sie zu verlieren oder eine Chance zu verpassen. Oder besser: ihre Agenten schlagen diese Vorschüsse für sie heraus. Die Verlage müssen diese finanziellen Löcher wieder stopfen und überschlagen sich daher mit Marketingmaßnahmen, die noch mehr kosten und Einsparungen an anderer Stelle notwendig machen. Das ist eine Schlinge, die sich von selbst zuziehen wird, wenn jene Autoren, die nicht millionenfach, aber ausreichend gut verkaufen und noch besser verkaufen könnten, erst einmal begriffen haben, was hier vorgeht, und zu rechnen beginnen. Sie sind nämlich diejenigen, die diese Pyramide mitfinanzieren müssen. Im Grunde ein Schneeballsystem.

Ja, die Erlöse werden sinken, aber nicht wegen eines angeblichen Preisverfalls eines Produktes, das „ins Netz gegangen“ ist. Das E-Book ist ein komplett neues Produkt, für das am Markt bisher noch gar kein Preis gefunden werden konnte, weil dieser von den Herstellern von Druckerzeugnissen künstlich hoch gehalten wird. Deutschland hängt nur deshalb mit der Entwicklung hinterher, weil mit dem ganz speziell deutschen Instrument der Buchpreisbindung, die flux auf Betreiben des Börsenvereins einfach auf ein völlig neues Medium übertragen wurde, die Lobbyinteressen der Druckverlage geschützt werden sollen. Mit zweifelhaftem Erfolg übrigens.

Das feuilletonistische Potenzial dieser Fusion scheint Ihnen leider auch entgangen zu sein: der Penguin-Verlag ist (oder war) einer der ersten Verlage in England, der sowohl für inhaltliche Qualität als auch für kleine Preise gestanden hat. Darauf basierte das ganze Geschäftsmodell dieses Verlags: hochwertige Literatur zum kleinen Preis für alle, möglichst leicht verfügbar und leicht zu transportieren. Damit das funktionierte, hat man dort bei der Größe und der Qualität des Papiers und des Umschlags gespart. Nicht aber bei der Qualität des Inhalts! Das war essenziell für die Reputation der Marke. Für die Zeit der Gründung in den 1930er-Jahren war dieses Modell revolutionär und hat funktioniert: die Menschen waren bereit, die Einbußen in der Qualität des physischen Produkts in Kauf zu nehmen, um im Gegenzug dafür viel gute Literatur lesen zu können. Fällt Ihnen was auf? Liest sich das nicht wie eine Parallele zur heutigen Situation? Die Diskussion um die „bessere Haptik“ des realen Buches? Darum, dass es ja auch schön aussieht, wenn so ein Buch im Regal steht und das allemal einen höheren Preis rechtfertigt? Diese Vergangenheit ist der eigentliche Wert dieser Marke, auf den es Random House (und Murdock) abgesehen hatten, und an dessen Nachklang bei unreflektierten Buchkäufern sie noch etwas zu verdienen hoffen (und natürlich am Rechte-Pool).

Das gedruckte Buch ist nicht tot und wird nicht sterben, aber die Tage der großen Printverlage und Buchketten sind gezählt. Ich zweifle jedoch daran, dass viele Buchfreunde und Leser es bedauern werden, wenn mit der Zeit die Filialen von Thalia, Hugendubel & Co. in Schwierigkeiten geraten und dadurch deren Buchauswahl nicht mehr auf der Straße verfügbar sein wird.  Die Druckereien haben aber eine Chance: sie müssten ihre Kapazitäten zur Kundenverwaltung und die Flexibilität bezüglich der Auflagenzahlen erweitern, dann könnten sie überleben – als Auftragnehmer für viele kleinere Auflagen von Selbstverlegern und Mini-Verlagen.

Lesetipp hierzu: Loss & gain, or the fate of the book by Anthony Daniels

Advertisements

Veröffentlicht von

Rudy Gasson

_Poetry is Code_

2 Gedanken zu „Da waren’s nur noch fünf …“

  1. Vor allem aber macht sich Amazon verstärkt daran, traditionellen Verlagen in ihrem Kerngeschäft Konkurrenz zu machen. Das Unternehmen dominiert nicht nur Print-on-demand – das Geschäft mit selbstverlegten oder nicht mehr gedruckten Büchern, die nur auf Anfrage produziert werden. Amazon verlegt auch selbst vermehrt Bestsellerautoren , die es mit einer höheren Beteiligung an den Verkäufen lockt, als es die meisten alten Verlage bieten.

  2. In letzter Zeit kommen hier trotz Captcha Kommentare von ominösen Absendern mit englischen Namen, anonymisierten Tor-Server-IPs und Backlinks auf arabische Seiten rein, die zwar in perfektem Deutsch geschrieben sind und sich scheinbar auf den Inhalt beziehen, sich aber mehr oder weniger wie Pressemeldungen anhören, die auf der Basis einer Stichwortanalyse wahrscheinlich irgendwo rauskopiert wurden. Hier das neueste Beispiel:

    „Die Verlagsgruppe Random House Deutschland mit ihren mittlerweile fünfundvierzig Imprints bleibt außen vor; der deutschsprachige Markt hat – wie der französische – seine Eigentümlichkeiten. Branchenkenner vermuten, dass Bertelsmann die deutschen Verlage mit einem Jahresumsatz von zuletzt 318 Millionen Euro nicht in die Waagschale geworfen hat, weil sonst die Vertragsbalance mit Pearson nicht funktioniert hätte. So hat man sich bei annähernd fifty-fifty getroffen, in einigen Jahren will Bertelsmann den ganzen Brocken übernehmen. Den deutschen Verlagen versichert Markus Dohle, Vorstandsvorsitzender von Random House, Inc., auch weiterhin in ihre Entwicklung zu investieren und sie „auch künftig mit allen benötigten Ressourcen“ auszustatten, „um deren Marktposition in Deutschland zu stärken und weiter auszubauen“.

    Dieser Kommentar wurde angeblich von einer Florine F. Guthrie abgegeben, mit einer Allerwelts-hotmail-Adresse und einem Tor-Server. Sollte diese Dame tatsächlich existieren, kann sie ja bitte nochmal Stellung dazu nehmen, warum sie hier auf eine arabische Seite zu verlinken versucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s